Der Preis von billiger Kleidung - ein Insider Bericht

via unsplash


"Ein Dreier Pack T-Shirts kostet 45 Cent, inklusive Lieferung von Asien"


Die meisten von uns haben schon eine dunkle Ahnung davon, wie die Produktionsbedingungen in den Entwicklungsländern aussehen, in denen unsere Kleidung hergestellt wird. Aber hast du dich schon mal gefragt, wie die Preise eigentlich zustande kommen? Nach meinem Artikel über Heidi Klums Kollektion für Lidl hat sich eine Leserin bei mir gemeldet, die die Preisverhandlungen namhafter Unternehmen live mitbekommen hat, denn sie hat dort als Fremdsprachensekretärin gearbeitet. Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen werden die Namen der Firmen, die sie betreut hat, in diesem Artikel zwar nicht genannt, aber ich kann euch versichern, dass ihr alle diese Firmen kennt. 
Hier ist Marias* Geschichte:

"Nach meinem Abschluss als Fremdsprachensekretärin habe ich in der Bekleidungsindustrie gearbeitet. Mein Arbeitgeber-Unternehmen war als Mittelsmann zwischen dem Großkunden in Deutschland und dem Hersteller in Asien tätig. Das heißt, wir haben Kleidung in Asien für andere Unternehmen herstellen lassen. Unsere Kunden waren hauptsächlich große Konzerne, die Billigkleidung in Deutschland verkaufen.

Mein Job dabei war die Preisakquisition. Ich habe eine Anfrage bezüglich eines bestimmten Kleidungsstücks, das produziert werden soll, inklusive aller technischen Daten, erhalten. Diese beinhalteten Angaben zum Material, zum Gewicht des Stoffes, zur Ausrüstung, zu Maßtabellen und natürlich zur Menge. Dazu eine genaue Beschreibung mit Fotos, wie das Kleidungsstück auszusehen hat. All diese Informationen habe ich dann an verschiedene Lieferanten in Asien weitergeleitet, hauptsächlich China und Bangladesch.
Viele der Fabriken dort werden von Deutschen geleitet, auch die einheimischen. Oder es gibt Vermittlungsunternehmen, die die Aufträge an Fabriken weiterleiten, die von Deutschen geleitet werden. Die Preisverhandlungen liefen trotzdem meistens zäh, weil unsere Kunden natürlich den allerbesten Preis für sich rausschlagen wollten. Dabei kommt es denen dann auch nicht auf die Qualität an, sondern lediglich, ob der Preis stimmt.

Zum Verständnis: in den Fabriken, in denen Billigkleidung produziert wird, werden auch hochwertige Marken hergestellt, wie Hugo Boss oder andere. Die Fabriken können also nicht nur billig, sondern auch hochwertiger. Dabei kommt es allerdings auf den Preis an. Je niedriger der Preis, desto minderwertiger war auch das Produkt. Ein Dreier-Pack T-Shirts, in einer Auflage von 350.000 Stück (also rund 1 Million T-Shirts) kostet – wenn es gute Qualität ist – 45 Cent, inklusive Lieferung von Asien nach Deutschland. Eine Skijacke mit hochwertiger Ausrüstung liegt bei 12,00 Euro im Einkauf, Verkauf an den Kunden für 17,00 Euro und Verkauf an die Bevölkerung für 70,00 Euro. Dabei ist auch relevant, in welcher Menge produziert wird: je höher die Anzahl, desto niedriger der Preis. Die Preise musste ich mit dem Großkunden in Deutschland hart diskutieren. Teilweise ging es um 2 Cent.
Wer mit Asien arbeitet, weiß, dass dort die Uhr anders tickt. Es tauchten immer dieselben Probleme auf, hauptsächlich Lieferverzögerungen. Wir hier in Deutschland halten sehr viel von Pünktlichkeit, in Asien sind bestätigte Liefertermine nur Richtwerte. Das sind kulturelle Unterschiede, an die wir Deutschen uns nur schlecht gewöhnen können. Daher sahen wir uns ständig Konventionalstrafen in Millionenhöhe gegenüber, wenn die Lieferung nicht pünktlich kam. In einer Situation ging es um eine Teillieferung, die 5 Tage später ankommen sollte. Die war allerdings noch gar nicht auf dem Weg. Also diskutierten wir mit dem Lieferanten ein paar Möglichkeiten. Eine Sendung via Schiff, die preiswerteste Variante, musste ausgeschlossen werden, da die Kleidung damit nicht rechtzeitig vor Ort gewesen wäre. Also blieb noch die Sendung via Flugzeug. Das war dem Lieferanten aber zu teuer. Eine Sendung mit dem Flugzeug würde umgerechnet 200,00 Euro kosten, beschwerte er sich, das wäre der Lohn eines Nähmädchens der nächsten 5 Jahre. Das hat uns alle schockiert.

Von Zeit zu Zeit wurde unser Unternehmen mit negativer Presse bezüglich der schlechten Bedingungen in den Fabriken konfrontiert. Häufig kamen Beauftragte und besichtigten vor Ort die Unternehmen mit denen wir zusammenarbeiteten. Danach erhielten wir eine „Mängelliste“. Es ging dabei häufig um Kinderarbeit – also die Beschäftigung von Personen unter 16 Jahren. Dies wurde in den Fabriken so gelöst, dass alle unter 16 Jahre zum Zeitpunkt der Besichtigung nicht in der Fabrik erscheinen durften – am nächsten Tag konnten sie natürlich wieder arbeiten gehen.

Aber auch die niedrigen Löhne der ArbeiterInnen sorgte regelmäßig für Probleme. Einmal war es so schlimm, dass mehrere Fabriken in denen wir produzierten, schließen mussten. Das war eine Katastrophe. Nicht nur für uns, sondern auch für die Leute vor Ort. Die NäherInnen werden dort nach Stunden bezahlt und wenn sie nicht arbeiten gehen können, ist das existenzbedrohlich für sie. In den Fabriken, die von Deutschen geleitet wurden, gab es ohnehin schon höhere Löhne als in den anderen Fabriken. Natürlich kann man das nicht mit den hiesigen Verhältnissen vergleichen, das ist ganz unterirdisch, aber man kann da auch nicht einen Mindestlohn von 8,50 Euro die Stunde einführen. Wer dort so ein Gehalt hat, der ist reich.
Ein anders Mal war geschah es, dass ein Beauftragter feststellte, dass dort über 80 Stunden pro Woche gearbeitet wird. Daraufhin bekamen wir eine Auflage, dass jetzt maximal 60 Stunden pro Woche gearbeitet werden dürfte. Auch dies hatte katastrophale Auswirkungen: weniger Stunden = weniger Lohn. Wir sahen uns dann dem Problem gegenüber, dass die ganzen Arbeiter abwanderten und in andere Unternehmen gingen. Die Familienstruktur sieht dort schon ganz anders aus. Dort gilt es, teilweise 12 Familienmitglieder durchzubringen. Viele Paare teilen sich die Schichten sogar auf, damit immer ein Elternteil bei den Kindern sein kann. Daher sehen sie auch zu, dass sie so viele Stunden wie möglich machen können. Bei dem niedrigen Lohn scheint das verständlich. Und wenn ein Elternteil krank ist, wird es vom ältesten Kind vertreten.

Manchmal mussten Kollegen von uns nach Asien, um dort die Produktion zu überwachen oder Probleme auszuloten. Sie wurden grundsätzlich sehr freundlich empfangen, teilweise wurden sogar Bespaßungsprogramme aufgeführt. Ich selbst war nicht dort, aber die Berichte der Kollegen habe ich mir angehört. Sie alle erzählten von alten, teilweise bruchreifen Fabrikgebäuden. Es war extrem dreckig und staubig. Ein Kollege sei nur mit Atemschutzmaske herumgelaufen, erzählte er. Die Büros befinden sich häufig in Containern, daher sind die Mitarbeiter dort weniger von den Missständen betroffen.
Die Billigkleidung wird unter sehr harten Bedingungen produziert. In den billigen Stoffen sind hochgradig Schadstoffe enthalten. Einige Großkunden fordern Tests von Instituten an, die die Schadstoffhöhe in den Stoffen messen. Dazu werden Kleidungsstücke in das Labor geschickt und nach ein paar Wochen erhält man einen Bericht, was da alles drin ist und wie hoch gemessen wurde. Diese Tests lassen die wenigsten Billighändler durchführen. Wenn wir einen Test bekommen haben, mit Ergebnissen, die nicht im Rahmen der Vorgaben des Kunden lagen, dann haben wir diese Ergebnisse einfach gefälscht. Es gab eine Kollegin in unserem Büro, die das sehr gut konnte und man den Unterschied nicht mehr sehen konnte. Das waren bei einem Kunden lediglich minimale Abweichungen, bei anderen Kunden aber schon gravierende Daten.

Was ist also die Lösung aus diesem absurden Teufelskreis? Klar, die Firmen sind die bösen, aber letzten Endes regelt die Nachfrage das Angebot. Wenn alle möglichst billig neu einkaufen möchten, gewinnt eben der, der die Preise beim Lieferanten noch ein klein wenig mehr drücken kann als die Konkurrenz. Die Entscheidungsmacht liegt aber beim Kunden. 
Ausschließlich Produktion in Europa unterstützen oder nur noch secondhand? Ist ein Ansatz. Aber meiner Meinung nach muss sich grundlegend an den Strukturen der Textilindustrie etwas ändern. Die Globalisierung hat dazu geführt, dass nun eben großteils in Asien produziert wird, was aber nicht zwangsläufig schlecht sein muss. Die geschaffenen Arbeitsplätze sollten aber eben fair bezahlt werden. Stark versimpelt beinhaltet ein besseres System: weniger Masse, dafür hochwertigere Produkte und diese besser bezahlt. Entsprechend unangekündigte Kontrollen, die auch die Arbeitssicherheit gewährleisten und für einen fairen Lohn sorgen, bei dem die NäherInnen ein menschenwürdiges Leben führen können. Vorbildliche Beispiele von Fair Fashion Firmen gibt es mittlerweile schon einige.

Wie ging es bei Maria weiter und was ist die Konsequenz aus dieser Erfahrung?

Ich habe 3 Jahre in dem Unternehmen gearbeitet. Seitdem trage ich keine Billigkleidung mehr und in bestimmte Läden gehe ich definitiv nicht mehr einkaufen. Vor fair produzierter Kleidung halte ich im Grunde sehr viel. Dennoch ist sie meist sehr teuer und wenige können sich das leisten – selbst wenn sie wollten. Das ist ein großer Nachteil und die Billighändler profitieren davon. Gerade Familien sind immer noch darauf angewiesen, so günstig wie möglich Kleidung zu kaufen. Ein Erwachsener kann sich bestimmt einmal eine gute Jeans für einen höheren Betrag leisten, einfach weil er diese Hose dann auch die nächsten Jahre tragen kann. Kinder brauchen in der Regel zu jedem Wechsel der Jahreszeiten eine komplett neue Ausstattung. Das geht unheimlich ins Geld. Ich hatte selbst eine Zeit lang sehr wenig Geld übrig. Aber weil ich selbst sehr darauf achte, habe ich bis jetzt immer den Großteil unserer Kleidung auf dem Flohmarkt gekauft."

Danke Maria, für diese Einblicke.

Alles Liebe,
eure Corinna



*Name wurde geändert

Kommentare:

  1. Abgefahren wie es da zugeht. 45 Cent für drei Stück??? Und das mit den Schadstofftests ist ja auch krass. :((

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    1. Ja ich fand es auch erschreckend, obwohl ich mich schon viel mit der Industrie beschäftigt habe. Die Menge macht natürlich auch was aus..

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  2. Mir wird schlecht...danke für den Bericht! Das macht einem wiedermal bewusst, wie weit wir von einer fairen Welt entfernt sind!

    Lieben Gruß Lisa

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    1. Ja, leider schon. Aber immerhin gibt es ja einige gute Firmen, die es besser machen :)

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  3. Also egal wie man es dreht und wendet es wird immer so sein denn die Menschen woolen einfach nur günstig und keinen kümmert es von wo es kommt ich kann nur sagen versucht Made In Turkey zu kaufen hier gibt es sehr gute Kontrollen das diese sogar Herstellung für Italien bereits ausführen uuund unterstützt neue Brands ;)

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    1. Made in Turkey? Ist das eine Marke oder eine generelle Empfehlung von dir? Naja auf jeden Fall neue kleine Brands untertsützen, die es besser machen, würd eich jedenfalls auch sagen :)

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  4. Einfach immer wieder erschreckend, dass das die Realität genau so aussieht. Ich lebe mittlerweile ein bisschen in meiner kleinen veganen Fair Fashion Bubble, kaufe nur von nachhaltigen Marken und folge auch (fast) nur nachhaltigen Bloggern - aber manchmal wird man dann doch wachgerüttelt, dass die Welt nun mal doch noch bei Fast Fashion ist... leider.

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    1. Ja das denk ich mir auch manchmal mit meiner kleinen Bubble. Also auch schön, dass es das zumindest gibt :) Aber trotzdem schlimm, wie die mit Abstand größte Mehrheit produziert wird. Ich hoffe, es gibt bald einen Umschwung und mehr Bewusstsein!

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  5. Danke für den Einblick, das ist erschreckend.
    Allerdings frage ich mich, ob es tatsächlich so einfach ist, dass, wenn die Nachfrage nach Billigteilen sinkt und man teurer produziert, auch die einfache Näherin vor Ort etwas davon hat. Wie du ja selbst schreibst, werden in diesen Fabriken auch hochwertigere Teile produziert. Am Ende ist also auch immer die Profitgier das Problem.
    Ich frage mich auch immer, was aus den Familien wird, wenn dort keiner mehr produzieren würde.
    Es ist wirklich ein furchtbarer Kreislauf, den es zu durchbrechen gilt.
    Aber auf jeden Fall ist es ein guter Anfang bei Garderobe auf Langlebigkeit und Nachhaltigkeit zu setzen. Ich bin immer wieder überrascht, was ich im Kleiderschrank meiner Mami so alles finde. Sie hat schon immer auf Qualität geachtet und die Sachen sind noch so schön und total zeitgemäß. Da bediene ich mich immer gern. Vintageläden mag ich auch immer gern, vor allem in London findet man da erlesene Teile.
    Ein toller Post, Danke dafür!
    LG Charli von https://frischgelesen.de

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    1. Hey danke für deine Meinung liebe Charli! Ja es ist leider nicht so einfach, dass man sagen kann teuer=gut oder aufhören zu kaufen=Verbesserung für die Näherinnen. Aber zumindest kann man mit Sicherheit sagen billig=schlecht, da es einfach nicht möglich, fair zu produzieren und gleichzeitig an allen Ecken zu sparen. Daher ist es eben umso wichtiger, auch kleine Labels zu unterstützen, die sich dafür einsetzen, dass die Näherinnen und alle Beteiligten eben fair entlohnt werden und menschenwürdige Bedingungen haben. Dafür weniger zu konsumieren oder eben auch secondhand, das würde ich unterschreiben. Am Ende bleibt zu hoffen, dass auch die ganz großen Unternehmen irgendwann etwas grundlegend verändern.
      Liebe Grüße, Corinna

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  6. Wow, danke für dieses spannende Interview bzw. Background Wissen. Ich bin mache gerade eine Ausbildung im Großhandel aber möchte später gerne in den Außenhandel - am liebsten im Bereich Fair Trade. In der Schule haben wir außerdem gerade das Thema Preisstrategien/wie ein Preis entsteht etc. - was unheimlich spannend ist! Der Preis orientiert sich ja zum einen an der Konkurrenz, an den Gesamtkosten und an der Kundennachfrage. Das was einen Preis "kaputt" macht, ist schlicht und einfach die Gier nach Profit. Der erste Schritt in die bessere Richtung ist aufjedenfall die Kundennachfrage nach Billigmode zu reduzieren, aber das ist ja leider nicht so einfach. Aber ich hoffe das durch deinen Beitrag und deinen Blog allgemein, die Menschen bewusster einkaufen!

    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Alles Liebe
    Jasmin

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    1. Danke dir liebe Jasmin! Cool, ich wusste gar nicht, dass du in der Branche eine Ausbildung machst. Auf jeden Fall kann man da etwas bewegen und verändern, wenn auch erst mal nur im Kleinen. Ich denke aber jeder Schritt zählt. Und je mehr man weiß und sich informiert, umso besser! :) Also bin gespannt, wo dein Weg noch hinführt!

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  7. Auch hier nochmal meine Liebe: Ich ziehe meinen Hut und sage Champs Elysee ♥ Ich finde es so, so toll wie du das Thema an den Mann bringst! Das steckt einfach an und bringt Licht ins Dunkel!

    Als ich mich früher damit beschäftigt habe, war ich immer ein bisschen hoffnungslos, dass ich überhaupt etwas bewirken kann und ob die Produktion der Firmen dadurch wirklich beeinflusst wird (vorallem auch in dem ganzen Massenprodukten an billigem Essen und Fleisch etc.) aber irgendwo muss man schließlich anfangen und weiter erzählen ♥ Jedenfalls DANKE für die riesen Inspiration und dass du mit so einem guten Vorbil vorangehst.

    Ich drück dich ♥

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    1. Danke für deine lieben Worte, Duni!

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  8. Wow das ist wirklich toll, dass Maria dir diese Geschichte zum anonymen veröffentlichen geben hat. Man weiß es ja eigentlich aber diese Zahlen und dass eine Insiderin selbst diese Sachen nicht mehr kauft, spricht ja für sich. Super Beitrag! Liebe Grüße *thea

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    1. Ja ich finde es auch absolut toll, dass mal jemand den Mund aufmacht!!

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  9. Thanks for sharing, nice post!

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