Fair produzierte Schuhe? Die Probleme der Lederindustrie


Nach einer kleinen Blogpause bin ich zurück von einigen aufregenden Tagen unterwegs. Am Montag kam ich aus Frankfurt von der Innatex wieder, die größte internationale Fachmesse für nachhaltige Textilien, die neben Kleidung auch Produktgruppen wie Accessoires, Heimtextil, Stoffe oder Spielzeug präsentiert.
Alle dort ausstellenden Marken haben einen Fokus auf Nachhaltigkeit und erfüllen die festgelegten Mindestkriterien der Innatex. Sie setzen sich also alle für eine grünere Welt ein und haben dabei unterschiedlichste Ansätze. Das Schöne aber: eine faire Produktion der Produkte ist allen Ausstellern  wichtig. Gerne gebe ich euch in einem anderen Post noch ein paar Eindrücke für die, die meine Stories auf Instagram verpasst haben (psst: in der mobilen Ansicht könnt ihr sie noch in meinen Highlights anschauen :)).
Fokus der Messe in dieser Saison war das Thema Schuhe. Ein recht heikles Thema, denn jeder trägt sie, aber die wenigsten sind sich über die Auswirkungen bewusst, wenn sie ein konventionell produziertes Schuhe kaufen. 


Die größten Probleme bei der (Leder-)Schuhproduktion sind:

  1. Umweltauswirkungen durch Viehhaltung und Gerbereien  
  2. Gesundheitsrisiken durch giftige Chemikalien im Gerbprozess
  3. Missachtung von Menschenrechten in der Produktion

Um die Missstände zu verstehen, sollten wir uns die sozialen und ökologischen Auswirkungen der Lederindustrie etwas genauer anschauen. Am Beispiel von Indien hat uns die Hilfsorganisation INKOTA auf der Innatex einige Fakten präsentiert, die leider bittere Realität sind: Die Lederindustrie ist eine der arbeitsintensivsten Branchen des Landes mit über 2 Millionen Beschäftigten, die vor allem in Kleinbetrieben arbeiten. Die Chromgerbung ist dabei das am häufigsten angewandte Verfahren, um Tierhäute zu Leder zu verarbeiten.  Pflanzliche Gerbung dauert mehrere Tage, während die chemische mit Hilfe von Chrom nur Stunden in Anspruch nimmt. Nichtsdestotrotz ist das Gerben ein arbeitsintensiver Prozess, der bis zu 20 verschiedene Stufen benötigt: vom Entfernen der Tierhaare und Fleischreste, bis zum Salzen, Behandeln der Häute mit Schwefelwasserstoff, Chrom und anderen Chemikalien.
Die am meisten verarbeiteten Tierhäute stammen übrigens von Rindern, aber auch Schafe, Ziegen, Schweine und exotische Tierarten werden verwendet. Neben den moralischen Faktoren ist auch die Viehhaltung an sich ein enormes umweltschädigendes Problem: Schätzungen des französischen Vereins “Envol Vert” zufolge ist die Rinderhaltung zum Zweck der Fleisch- und Lederproduktion zu 65% für die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes verantwortlich.^1 
Für die Verarbeitung von 1000kg Rohhäuten wird ca. 500kg chemische Substanz benötigt und es entsteht jede Menge Abwasser sowie etwa 600-900kg (!) Abfall wie z.B. Fleisch- und Lederreste, welche dann mit Chemikalien belastet sind. Das Problem ist, dass in Entwicklungsländern häufig nicht die benötigten Sicherheitsvorkehrungen für die Menschen eingehalten werden und auch die Abfälle sowie das verseuchte Abwasser illegal entsorgt werden. Das Chrom sowie andere toxische Chemikalien landet dadurch oft in Flüssen, Gewässern und die Reste werden in Form von Klärschlamm teilweise sogar als Düngemittel verwendet, wodurch sie die Böden und Wasservorräte in der Umgebung der Gerbereien vergiften. Studien von Inkota zufolge gelangt das gefährliche Chrom IV in die Umwelt und sorgt für jahrzehntelange Verseuchung des Bodens. Der Umweltaspekt ist also die eine unschöne Kehrseite der hiesigen Lederprodukte.
Der nächste ist, dass die Menschen, die die härteste Arbeit am unteren Ende der Lieferkette leisten, am stärksten ausgebeutet werden: Nicht nur, dass sie selbst hohen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind (es wurde schon mehrfach nachgewiesen, dass GerberInnen sowie Anwohner aus der Nähe von Gerbereien erheblich höhere Krankheitsrisiken wie Leukämie oder Krebs sowie höhere Sterberaten aufweisen), nein, sie erhalten oft auch noch extrem niedrige Löhne, werden mit Stück- statt mit Stundenlohn bezahlt, um maximale Produktivität zu erzwingen, und haben dabei überdurchschnittliche lange Arbeitszeiten. Kinderarbeit und das (inoffizielle) Verbot von Gewerkschaften runden die Misere ab. 

Alles in allem jedenfalls keine erfreuliche Bilanz, weder für Mensch, Tier noch Umwelt. Die ernüchternde Realität in den Produktionsländern ist leider nicht mehr präsent, wenn man das schicke paar Lederschuhe oder die glänzende Handtasche in den deutschen Geschäften sieht.

Was man also dagegen tun kann?


  • Wenn ihr absolut nicht auf Lederprodukte verzichten wollt, informiert euch zu den Herstellungsbedingungen, zur Herkunft des Leders und ob der Hersteller dazu überhaupt eine Aussage machen kann. Und nein, das Leder aus Italien kommt in den allermeisten Fällen nicht von italienischen Kühen, sondern wird in der Regel aus Niedriglohnländern importiert und dann in Italien weiterverarbeitet. Im Jahr 2014 wurden über 50% der Lederschuhe aus Asien importiert (mit großem Abstand übrigens aus China), während nur etwa 5% in Italien hergestellt wurden. ^1 (hier entlang für noch mehr Details).
  • Generell gilt: Ein pflanzlicher Gerbprozess ist generell umweltfreundlicher als ein chemischer.
  • Und: ein veganer Schuh hat meist die bessere Umweltbilanz, besonders, wenn er nicht aus Kunststoff, sondern alternativen Materialien wie z.B. Ananasleder, Kork, Hanf, (Bio-)Baumwolle oder upgecycelten Materialien besteht. Es gibt schon einige spannende Alternativen und ich freue mich schon auf die Weiterentwicklungen, an denen momentan geforscht wird. 
  • Egal ob Leder- oder pflanzenbasierter oder Kunststoff-Schuh: je länger er getragen wird, desto nachhaltiger ist es. Bringt kaputte Schuhe oder abgelaufene Sohlen daher zum Schuster, lasst sie reparieren und tragt sie so lange wie möglich, um Ressourcen zu schonen.


Hier sind einige tolle Marken, die einen Fokus auf ethische und faire Herstellung oder den Einsatz von umwelt-, menschen- und tierschonenden Materialien einsetzen - und dabei auch noch richtig cool aussehen: Ethletic, Be Free, NAE, Veja, Wills Vegan Shoes, Sole Rebels, oder Po-Zu. Alle sieben Marken haben vegane Modelle in ihrem Sortiment (oder sind rein vegan) und achten auf eine faire Produktion.




Alles Liebe,

eure Corinna


Inkota: https://webshop.inkota.de/produkt/broschuere-download/infografik-wussten-sie-dass-eine-kuh-ihrem-schuh-ist 

Kommentare:

  1. Ich achte schon sehr, sehr lange auf das was ich trage. Damalsbegann es, weil ich die Kleider "von der Stange" einfach nicht mochte. Aber ich muss zugeben, auf fair-produzierte Schuhe habe ich nicht wirklich geachtet bzw irgendwie gibt es immer etwas was nicht stimmt.
    Danke für die tolle Auswahl.

    schau gerne auf meinem BLOG vorbei und auf INSTAGRAM

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    1. Hey Amelie Rose, na das ist doch schon mal super, dass du darauf achtest, was du trägst - das Bewusstsein ist ja schon mal der erste Schritt! :)

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  2. Puh wenn ich das so lese mit der Lederproduktion hab ich gar keine Lust mehr auf Lederschuhe. Ist schon krass, was da in anderen Ländern passiert, damit wir hier schöne Sachen haben. :(

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    1. Ja das stimmt schon. Aber es gibt ja zum Glück einige Firmen, die es besser machen als der Großteil! :)

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  3. Vielen Dank für diesen interessanten und aufklärenden Beitrag! Ich versuche einfach das, was ich bereits habe, solange wie nur möglich aufzutragen, bis auch der Schuster nichts mehr retten kann. Und dann bin ich gespannt, wie es mit der Entwicklung von alternativen Materialien weitergeht. Ich finde es immer wieder faszinierend, aus was man alles lederähnliche Produkte herstellen kann.
    Alles Liebe
    Chrissie

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    1. Ja so geht es mir auch mit der Faszination! :-) Und super, dass du deine Schuhe lange trägst!

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